Ein bisschen mehr

Mitte Mai.  Ein schwarzes E-Klasse Cabrio rollt bei mir vor. L. hat mir gesagt, was er für ein Auto fährt. Ich war also darauf vorbereitet. Aber ich muss trotzdem lachen. Er tut mir ein bisschen leid. Weil er sicher eine andere Reaktion erwartet hat. Weniger lachen, mehr subtile Bewunderung. Würde ich doch nur was auf solche Statussymbole geben. Ich steige ein und sehe dieses unglaublich saubere Auto von innen. Beiges Leder, beige Fußmatten. Kein Staubkorn. Wer hat die Zeit sein Auto so sauber zu halten?!

„Du wirst niemals bei mir mitfahren!“, stelle ich halbernst fest.

In meinem Auto tummeln sich leere Getränkeflaschen, Kassenzettel, Parkscheine und gelegentlich auch Essensreste. Was im Handschuhfach alles drin ist, weiß ich nicht mehr. Die Fußmatten müsste man mal wieder absaugen und die Staubschicht auf dem Armaturenbrett könnte man auch mal beseitigen. Passt aber ganz gut ins Gesamtbild.

Gewaschen wird mein Auto zweimal im Jahr beim Reifenwechseln, das gehört da zum Service. Bis dahin zieren Pollen und die Insekten von der letzten Autobahnfahrt Lack und Windschutzscheibe. Nicht, dass ich mein Auto nicht liebe, ich habe nur keine Zeit, es zu putzen. In anderen Dingen bin ich weniger chaotisch.

Aber Gegensätze ziehen sich an und so.

Das Bild, das ich von einem Enddreißiger im Cabrio habe, ist in etwa dieses: Ein Mann kurz vor oder in der Midlife Crisis, der mit dem Flitzer nach Aufmerksamkeit giert, sinnlos durch die Gegend cruist auf der Suche nach Bestätigung, Neid oder irgendeiner Reaktion auf das schicke – viele zu niedrige! – Auto unter ihm. Ernsthaft, versucht mal beim Öffnen nicht mit der Tür über den Bordstein zu kratzen.

Zum Glück spiegelt L.s Charakter in keiner Weise den Enddreißiger Cabriofahrer. Er ist ein wirklich bodenständiger Mensch, der sich alles hart erarbeitet hat. Ein seltenes Exemplar. Zumindest was meine Datinggewohnheiten angeht. In seinem Job als Unternehmensberater machen sich Hemd, Büro in bester Innenstadtlage und Cabrio einfach ganz gut.

Ich habe heute allerdings ewig gebraucht, meine Haare zu machen und halte das offene Dach für kontraproduktiv.

In der letzten Woche haben L. und ich jeden Tag geschrieben. Ich freue mich sehr, ihn wieder zu sehen. Wir fahren ins Museum. Ein ungewöhnliches zweites Date. Aber ich bin total begeistert, dass wir uns darauf geeinigt haben. Wir haben beide ein Interesse für jüngere Geschichte.

Nach der emotionalen Führung durch einen Zeitzeugen, erkunden wir die Gedenkstätte selber weiter. Lernen uns besser kennen. Ich genieße seine Nähe, die Ruhe, die er ausstrahlt. Während ich neugierig durch die Gänge streife. Ihm gefällt meine Begeisterung für die Ausstellungsstücke. Dabei reden wir über unsere Familien und wie wir aufgewachsen sind.

Wenn er mich ansieht, muss ich lächeln. Ich finde, er ist ein toller Mann. Mich interessiert, was er sagt. Seine Worte sind immer überlegt gewählt. Während ich geradeaus sage, was ich denke. Manchmal ein wenig unreflektiert.

Scheint ihn nicht zu stören. Denn er fragt, ob wir noch was Essen gehen. Wir fahren wieder in die Innenstadt. Diesmal ist Cabrio fahren gar nicht mehr so komisch. Er schlägt Sushi vor. Ich war gerade erst ein paar Wochen bei den Erfindern des Sushi und mein Bedarf ist eigentlich für die nächsten 22-27 Jahre gedeckt. Aber er hat wirklich Lust drauf. Was soll’s. Die Sushi-Liebhaber unter euch werden den Kopf schütteln, aber zum Glück gibt es vegetarische Maki. Wenn man jetzt noch die Alge entfernen könnte. Reis mit Gemüse tut’s doch auch.

Nun sind Museum und gutbesuchter Innenstadt Japaner nicht gerade Orte, um sich näher zu kommen. Deshalb verlagern wir das Knutschen zum Abschied ins Cabrio. Und er küsst wirklich gut.

Für den Abend hat er Theaterkarten und ich bin mit meiner besten Freundin und ihrem Freund verabredet. Heute wird gefeiert und getanzt. Aber ich muss den ganzen Abend immer wieder an L. und unser Date denken. Ich hätte nicht geglaubt, dass mich nach Mr. Tattoo so schnell wieder ein Mann begeistern kann. Ungwöhnlich für mich.

Als das Stück zuende ist, fragt er, ob er noch nachkommen soll in den Club.

Ich schreibe: Ja! Wenn du meine zwei Punkerfreunde aushältst 😉

Er: Wenn die mit einem Hemdträger klarkommen 🙂

Ich: Die sind da liberal.

Und sie finden ihn toll. Wir machen sogar diese (betrunkenen) Pärchenfotos im Fotoautomaten. L. und ich tanzen und knutschen eine Weile. Irgendwann bringt er mich nach Hause. Mit hochkommen darf er heute nicht.

Ein Woche später sehen wir uns bei ihm wieder. Wir trinken Wein, knutschen und haben Sex. Wer hätte das gedacht. Danach liege ich in seinem Arm. Er schließt die Augen. Ich sage: „So kann ich auf keinen Fall schlafen.“ In seinem Arm. So eng beieinander. Er meint: „Ich auch nicht.“ Ich: „Ok, wenn ich gleich rüber rücke?“ Er: „Deal.“

Und ich schlafe richtig gut. Passiert mir selten mit einem Mann im Bett.

Als ich gegen Mittag gehen will, entdecke ich seine Golftasche. Er lacht. Ich auch. Passt irgendwie ins Bild. Und irgendwie auch nicht. „Ich wollte schon immer mal Golf spielen!“, sage ich. „Ich hol dich nachher ab, dann spielen wir Golf“, sagt er. Cool.

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9 Gedanken zu “Ein bisschen mehr

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