Lobgesänge

Oh weh, ein Böhmermann-Fan. Weil das doch im deutschen Fernsehen der einzige ist, der noch anprangert und sich etwas traut. Jemand, der sich als „Hofnarr der Nation“ versteht. Den es braucht, weil er zeigt, was schlecht ist. Und wenn er sagt, es ist schlecht, dann ist es das.

Das wäre jetzt kein Problem, wenn der Fan nicht mein Date wäre und wir uns nicht gerade beim ersten solchen gegenüber sitzen würden.

Was mache ich also? Ich gestehe, dass ich so gar kein Fan bin. Aber wer lässt sich schon auf eine Diskussion mit einem Böhmerjaner ein. Die privatfernsehenerprobte TV-Redakteurin natürlich. Denn ich finde diesen quotenunabhängigen, selbstgefälligen, öffentlich-rechtlichen Late-Night-Talker alles andere als begnadet.

Warum reagiere ich so? Weil mein Gegenüber ein Jünger ist. Ohne zu hinterfragen feiert er Böhmerann, Schmähgedichte, Popsongs und Fakeschwiegersöhne.

Ist ja schließlich alles Gesellschaftskritik.

Ist es das? Ich hatte eigentlich vor, schnell das Thema zu wechseln und das Date nicht gleich verloren zu geben, andererseits sieht er verdammt noch mal nicht aus wie auf seinem Foto und über 1,85 m ist er auch nicht. Also. Here we go.

Mal daran gedacht, was aus der Redakteurin geworden ist, die auf den Fakeschwiegersohn reingefallen ist? Als RTL und die Produktionsfirma nach dem Skandal sofort Konsequenzen ziehen wollten, ging jedenfalls keiner aus der Chefetage.

Ich frage mich, wie ich als Redakteurin reagiert hätte, wenn ich mit einem Kamerateam extra angereist wäre. Hätte ich trotzdem gedreht oder wäre ich, weil ich keinen Ausweis gesehen habe unverrichteter Dinge nach Hause gefahren? Und hätte dann meinem Producer gesagt, sorry Chef, aber heute haben wir mal so richtig Geld verbrannt. Und wenn der Protagonist trinkt und mir davon erzählt, ist das dann grundsätzlich ein Grund nicht mit ihm zu drehen?

Hier sind Fehler passiert, keine Frage. Aber ich verstehe unter welchem Druck man gerade als junge Redakteurin in diesem Job steht. In ständiger Angst, den Job zu verlieren. Mit dem Wissen, dass hinter einem schon zehn andere auf die eigene Position geiern. Gerade dann, wenn man sich nicht auf einem von GEZ-Geldern bezahlten Bürostuhl im Kreis dreht und gegen 16 Uhr den PC runter fährt. (Krieg ich dafür jetzt ’n Shitstorm?)

Eine Redakteurskarriere ist ein Kollateralschaden, meint mein Gegenüber. Das interessiert doch Böhmermann nicht, wenn es ums große Ganze geht. Aber was hat er damit erreicht, frage ich. Die Sendung Schwiegertochter gesucht gibt es schließlich weiterhin, solange es genug Zuschauer gibt, die sich daran erfreuen. Ist das richtig? Nein. Hier werden Menschen vorgeführt. Ich selbst finde die Sendung furchtbar. Das ist nicht der Punkt. Aber ein Böhmermann (und dessen Redaktion) plant eine solche Aktion für seine eigene Quote, nicht weil er irgendwann das Fernsehen revolutionieren wird. Auch er muss Inhalte produzieren und Sendezeit füllen. Es gibt kein großes Ganzes. Mehr als Unterhaltung ist das nicht. Auch wenn seine Fans gerne das Gegenteil behaupten.

Der Jünger meint, er schaut sonst nur Arte und Tagesschau. Hat er anfangs noch diplomatisch behauptet, dass mein Job ja spannend klinge, auch wenn er kaum eine der genannten Sendungen kenne, muss er jetzt zweimal erwähnen, dass er ja auch gar nicht viel Fernsehen schaue.

Trotzdem erlaubt sich mein Date ein Urteil. Nicht mögen ist das eine. Wenn aber dein Wissen über RTL und Co. nur auf den Inhalten vom Neo Magazin Royale besteht, dann ist das der Moment, wo du besser nichts mehr sagen solltest.

Es ist nicht alles schlecht. Es gibt mehr als Schwiegertochter gesucht. Auch fürs Privatfernsehen arbeiten Menschen hart, um Inhalte zu generieren.

Aber Böhmermann hat ja noch andere tolle Aktionen in petto. Dass er dafür Kritik erntet und manche Menschen ihn nicht hypen? Das geht nicht. Campino soll mal die Füße still halten und Tim Benzko kann das ab. Und Erdogan hat es sowieso nicht anders verdient.

Er rattert einen Freibrief für den heiligen Böhmi runter. Während ich mich frage, wo sind die Grenzen zwischen Beleidigung, Gesellschaftskritik und Satire? Man muss nicht unbedingt anderer Meinung sein als der König von ZDFneo. Aber man kann die Art und Weise falsch finden. Das versteht mein Date nicht. Ich sage, dass ich das Gedicht niveaulos finde und ich grundsätzlich denke, dass ein bisschen lustig machen ok ist, aber Beleidung von Staatsoberhäuptern eben nicht ok ist.

Na und, Merkel hat ja auf Nazivergleiche aus Griechenland auch ganz locker reagiert.

Es hilft nichts. An dieser Stelle gebe ich auf. Ein bisschen mehr Schreiben vor dem Date hätte geholfen, die Gretchenfrage stellen auch. Sie lautet: Wie groß bist du? Ich hätte vorher wissen können, dass das schief geht.

Wir finden dann noch ein anderes Thema. Grundsätzlich scheint er ein netter Kerl zu sein. Als wir gehen fragt er mich, was ich denn auf Tinder suche. Ich will ausgehen und Männer kennen lernen. Und weil es jetzt eh schon zu spät ist, sage ich direkt, dass das zwischen uns wohl einfach nicht passt. Warum erst mühsam irgendwann eine Nachricht tippen. Sich einfach nicht mehr melden, ist ja nicht so meine Art. Aus meiner Abfuhr zieht er die logische Konsequenz, mich zu fragen, ob ich offen für eine Affäre wäre.

Ich schaue ihn verdutzt an und höre mich sagen: „Grundsätzlich kann ich damit umgehen, aber gerade bin ich an einem Punkt in meinem Leben, wo ich gern eine Beziehung hätte.“

Es ist ein Satz, um ihn los zu werden. Aber in der Bahn denke ich noch mal drüber nach.

So hat mir der Abend wenigstens eine Erkenntnis gebracht.

 

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7 Gedanken zu “Lobgesänge

  1. Beim interessierten Durchlesen dachte ich, oh ih, in was für einer skurrilen Plasikwelt leben wir eigentlich.
    Wenn wir keine anderen Probleme haben, geht es und verdammt gut.
    Netflix, Amazon und Co werden dir das TV Problem auch in kürze beseitigen, zumindest modifizieren.
    Aber ein Date auf Böhmermann zu reduzieren, oder auf Größe?

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    1. Skurrile Plastikwelt? Hast du das Thema des Blogs gelesen? 😉 😀 ich diskutiere hier keine Weltpolitik.

      Ich glaube, dass jeder sein Date zu allererst nach optischen Kriterien beurteilt. Dann unterhält man sich und schaut, ob es passt. Es passte nicht und das waren die beiden Punkte. Das finde ich nicht verwerflich.

      Und das mit dem Ende des Fernsehens hab ich schon öfter gehört… spätestens wenn auf Netflix und Amazon irgendwann auch Werbung läuft und plötzlich neben seriellen Inhalten immer häufiger factual Inhalte dazu kommen, wird man sich fragen, wo eigentlich der Unterschied ist. Außer, dass man schauen kann, wann man will.

      Gefällt 2 Personen

  2. Endlich mal jemand, der diesen überschätzten Wichtigtuer ohne Kinderstube nicht unkritisch in den Himmel hebt. Ich stimme nahezu allen Punkten zu. Danke für die klaren Worte. Und was die Kritik in den Kommentaren angeht: Es mag sich oberflächlich betrachtet nur um die Meinung zu Böhmermann handeln. Im Prinzip wurden hier aber Grundüberzeugungen offenbart. Wenn diese bei zwei Personen nicht miteinander harmonieren, kann man es gleich lassen. Von daher wurde genau richtig entschieden.

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  3. Oh, ich mag Menschen, die wie ein Missionar ihr Meinung kundtun und nicht merken, dass der Empfänger gelangweilt guckt.
    Der Satz ich möchte eine Beziehung kann übrigens noch getoppt werden durch: ich bin auf der Suche nach einer verbindlichen Beziehung. Und mein Lieblingsjoker ist immer noch:
    Mein Ex ist beim SEK. Da fällt auch dem intellektuellsten Kerl alles zusammen.

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